Autor der Königsstrasse
Marcus Wiegand
Autor · Mitgestalter der Königsstrasse
Marcus Wiegand schreibt und koordiniert gemeinsam mit Uli die Königsstrassen-Romane und gestaltet die gemeinsame Welt der Reihe mit.
Ich habe eigentlich schon immer gerne Geschichten erfunden. Mit meinem damals besten Freund erlebte ich für unsere Action-Figuren die unglaublichsten Abenteuer und bastelte aus Pappe Häuser, Fahrzeuge und Raumschiffe, die unsere Fantasiewelt immer weiter vergrößerte.
Dann kamen irgendwann das Abitur und das wahre Leben dazwischen. Andere Dinge wurden auf einmal wichtiger. Aber aufgegeben hatte ich meinen Drang zu Geschichten eigentlich nie. Und so wurde es ein kleines, geheimes Hobby von mir, an der Bushaltestelle, in Cafés oder in fürchterlich langweiligen Vorlesungen über Differentialgeometrie Menschen zu beobachten und mir vorzustellen, wie wohl ihr Leben aussah. Wo sie wohnten, was ihre Leidenschaft war, welche kleinen Fehler sie mit sich herumtrugen, ohne es vielleicht selbst zu wissen. Ich nannte es „Hinter die Menschen schauen“ und kam mir damals so unglaublich clever vor.
Jahre zogen ins Land und dieses seltsame Hobby wurde immer mehr zu einer Eigenart. Ich sah einen interessanten Menschen und malte mir sofort seinen Hintergrund aus. Dabei war es vollkommen gleich, ob ich diesem Menschen im Supermarkt begegnet war, in einem YouTube-Tutorial gesehen hatte oder er im Auto neben mir an der Ampel stand.
Und irgendwann kamen dann plötzlich die Geschichten wieder. Diesmal allerdings als Erweiterung des ‚Hinter die Menschen schauens‘: Diese junge Frau, die immer wieder an ihrem Pulli zupft … ist sie nervös oder ist es vielleicht ein Tick? Hat sie eine Allergie gegen die Wolle und weiß es noch nicht? Wie geht es jemandem, der so eine Allergie entdeckt? Was verändert sich dadurch in seinem Leben?
Und so kamen diese kleinen Geschichten immer wieder zu mir zurück. Erst zaghaft – und da ich ziemlich dickfellig bin, hab ich sie nicht gleich wahrgenommen. Dann wurden sie beharrlicher und ich ertappte mich dabei, wie ich mir darüber Gedanken machte – auf dem Weg zur Arbeit oder bei einem wirklich langweiligen Fernsehfilm.
Und schließlich setzte ich mich vor den Rechner. Ich schreibe eine Geschichte – nicht zu lang, nicht zu kurz. Einfach mal sehen, ob ich es kann – und vor allem, ob es mir Spaß macht.
Und das tat es – Junge hatte ich einen Spaß daran, meine Figuren in peinliche Situationen zu bringen und sie leiden zu lassen! Es war faszinierend zu beobachten, wie sie sich verhielten, wenn ich sie noch ein wenig näher an die Klippe schob. Was würde ich in so einer Situation machen und noch viel wichtiger: Was würden die Charaktere in so einer Situation tun? Aufgeben? Weiterkämpfen? Wild um sich schlagen? Jammern?
Denn die Charaktere wurden zu Freunden. Sie wurden zu Lebensabschnittsgefährten, mit denen ich meinen Kopf eine Zeitlang teilte. Und wenn ich mit ihnen fertig war, räumten sie auch meinen Kopf immer wieder fein säuberlich auf, um Platz zu machen, für den nächsten Charakter, der sich Monatsweise in meinem Hirn einnistete.
Kurzum: Das Experiment war geglückt. Aus einer Geschichte wurden unzählige. Und jetzt sitze ich hier, nenne mich einen Autor und kann immer noch nicht so richtig fassen, wie ich dorthin gekommen bin.
Spulen wir vor zur Königsstrasse: Uli und ich feilten an der Idee an einem sehr lauen Spätsommertag. Uli fragte mich: „Wenn du beschreiben könntest, was hinter all den Gardinen im Haus gegenüber vorgeht – womit würdest du beginnen?“ Und damit hatte er mich natürlich. Figuren tauchten vor meinem inneren Auge auf und gaben sich die Klinke in die Hand.
Und so wurde ich wieder zu dem kleinen Jungen, der aus Pappe Kulissen für seine Figuren bastelte. Nur war es diesmal eine ganze Straße, stattliche neunzehn Häuser und etliche Action-Figuren mehr. Und das macht mich wohl zu einem der ältesten, aber glücklichsten Kinder überhaupt.
Für mich ist die ‚Königsstrasse‘ ein ‚Happy Escape‘: eine kleine Flucht aus einer Welt, in der schlechte Nachrichten lauter sind als die guten