Arne Frerichs

Bewohner der Königsstrasse

Arne Frerichs

Der Klavierlehrer aus dem zweiten Stock

Arne ist ruhig, aufmerksam und eher jemand, der zuhört, bevor er spricht. Seine Wohnung passt zu ihm: modern, reduziert und sorgfältig eingerichtet. Im Mittelpunkt steht sein schwarzer Flügel, an dem er unterrichtet und selbst spielt. Sein Leben war dabei keineswegs immer so übersichtlich, wie es auf den ersten Blick wirkt. Arne war verheiratet und hat eine Tochter. Heute ist er mit Valentin zusammen – einem zwölf Jahre jüngeren Mann, dessen Umwege Arne anfangs wesentlich mehr irritierten, als er vermutlich zugeben wollte. Die beiden sind ziemlich unterschiedlich. Vielleicht funktioniert es gerade deshalb.

Arne Frerichs ist 38, Klavierlehrer und lebt im zweiten Stock von Haus Nummer 5. Er mag klare Linien, wenige Dinge, Ikebana und vermutlich Wohnungen, in denen niemand spontan beschließt, die Möbel umzustellen.

Mit Valentin ist allerdings ein Mensch in sein Leben gekommen, der nicht unbedingt für geradlinige Lebensplanung bekannt ist.

Und inzwischen ist das ziemlich genau richtig so.

Musik gehört zu Arnes Leben.

Als Klavierlehrer arbeitet er von seiner Wohnung im zweiten Stock von Haus Nummer 5 aus. Der große schwarze Flügel steht dort nicht zufällig: Er ist Arbeitsinstrument, Mittelpunkt des Raumes und eines der wenigen Dinge, denen Arne ganz selbstverständlich viel Platz zugesteht.

Denn ansonsten mag er es reduziert.

Klare Formen, ausgewählte Möbel, wenige persönliche Gegenstände. Selbst seine Begeisterung für Ikebana passt dazu. Statt eines großen, bunten Blumenstraußes bevorzugt Arne Arrangements, bei denen jede Blüte und jeder Zweig einen ganz bestimmten Platz hat.

Auch sein eigenes Leben schien lange einem klaren Weg zu folgen.

Arne war verheiratet und hat eine Tochter. Dass diese Ehe inzwischen Vergangenheit ist, bedeutet nicht, dass dieser Teil seines Lebens verschwunden wäre. Seine Familie gehört zu seiner Geschichte – ebenso wie die Erkenntnis, dass ein einmal eingeschlagener Weg nicht zwangsläufig derjenige sein muss, auf dem man für immer weitergeht.

Vielleicht hätte ausgerechnet Arne deshalb etwas früher verstehen können, was ihn an Valentin zunächst so irritiert.

Als der neue Bewohner der WG im ersten Stock in sein Leben stolpert, hält Arne dessen Lebenslauf vor allem für eines: planlos. Valentin hat sein Architekturstudium abgebrochen, ein neues Studium begonnen und scheint mit beinahe 27 noch immer nicht genau zu wissen, wo sein Leben eigentlich hinführen soll.

Für Arne, der Struktur und Verlässlichkeit schätzt, ist das gewöhnungsbedürftig.

Trotzdem begegnen sich die beiden immer wieder.

Aus Gesprächen werden gemeinsame Abende, aus vorsichtiger Annäherung wird Nähe – und irgendwann muss Arne feststellen, dass ein Mensch durchaus Umwege nehmen kann, ohne deshalb orientierungslos zu sein.

Heute sind Arne und Valentin ein Paar.

Ihre Unterschiede sind dadurch nicht verschwunden. Arne ist noch immer der ruhigere von beiden, wägt eher ab und besitzt eine ausgeprägte Vorliebe für Ordnung. Valentin wiederum bringt Bewegung in ein Leben, in dem vorher vieles seinen festen Platz hatte.

Vielleicht ist genau das eine der Lektionen, die Arne im Laufe der Zeit gelernt hat:

Nicht alles, was gut ist, lässt sich vorher planen.

Und manchmal darf sogar in einem sorgfältig arrangierten Leben etwas überraschend wachsen.

„Einer, der zuhört, bevor er spricht. Wie mein Manfred.“