
Bewohner der Königsstrasse
Mica Kehl
Der DJ zwischen Nachtleben und Neuanfang
Tagsüber arbeitet Mica als Industriekaufmann bei Elektro Hagedorn, nachts steht er regelmäßig hinter dem DJ-Pult im Nachtasyl. Dazwischen gibt es Fitnessstudio, Schallplatten, Zigaretten und ein ziemlich aktives Sexleben. Mit Nils verbindet ihn eine Freundschaft, die einiges ausgehalten hat. Die beiden gehen gemeinsam cruisen, und auch vor der Kamera haben sie schon miteinander gearbeitet. Mica lebt offen und selbstbestimmt. Nähe ist für ihn deshalb noch lange kein Problem. Verbindlichkeit dagegen schon eher.
Mica Kehl ist Anfang 30, groß, muskulös und mit seinem vollständig tätowierten Arm kaum zu übersehen. Er arbeitet als Industriekaufmann, ist Resident-DJ im Nachtasyl und gehört zu den Menschen, die über Nils längst ihren festen Platz im erweiterten Freundeskreis der Königsstrasse gefunden haben.
Lange scheint Mica ziemlich genau zu wissen, was er will – und vor allem, was er nicht braucht.
Bis Kofi auftaucht.
Mica lebt im Kopernikusweg, ungefähr fünfzehn Minuten von der Königsstrasse entfernt. Seine Zweizimmerwohnung ist gemütlich, sauber und nicht unbedingt ordentlich. Überall liegen Schallplatten herum – wenig überraschend für jemanden, der einen Teil seiner Nächte als DJ verbringt.
Musik ist dabei nicht sein Hauptberuf.
Mica arbeitet als Industriekaufmann bei Elektro Hagedorn GmbH. Ein ziemlich gewöhnlicher Bürojob für einen Mann, dessen übriges Leben deutlich weniger gewöhnlich verläuft. Im Nachtasyl gehört er als Resident-DJ zum festen Team des Clubs und legt auch bei anderen Veranstaltungen gerne auf.
Zu seinem Leben gehört lange außerdem ein erfolgreicher OnlyFans-Kanal unter dem Namen „Versatile_King94“. Mica geht damit ebenso selbstverständlich um wie mit seiner Sexualität. Er filmt sich und andere ausschließlich einvernehmlich beim Sex; auch gemeinsame Videos mit Nils existieren.
Nils ist ohnehin einer der Menschen, die schon länger zu Micas Leben gehören. Die beiden ziehen gemeinsam los, gehen im Nachtschacht cruisen und kennen voneinander vermutlich Seiten, die anderen Menschen eher verborgen bleiben.
Ihre Freundschaft bleibt allerdings nicht immer unkompliziert.
Mit der Zeit müssen Mica, Nils und auch Julian lernen, dass Freundschaft ebenso Grenzen, Ehrlichkeit und Vertrauen braucht wie jede andere Beziehung. Am Ende sind die Verbindungen zwischen ihnen nicht unbedingt einfacher – aber erwachsener und stabiler geworden.
Auch Micas Familie spielt dabei eine größere Rolle, als es zunächst den Anschein hat.
Sein Vater Roman ist Architekt und kam aus der Slowakei nach Deutschland. Micas Mutter starb vor sechzehn Jahren an Krebs. Seine ältere Schwester Vesna ist alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes. Zwischen Mica und seinem Vater haben sich über die Jahre Dinge angesammelt, über die beide lange nicht wirklich gesprochen haben.
Erst ein ausgedehntes gemeinsames Frühstück bringt Bewegung in dieses Verhältnis.
Und dann ist da Kofi Lorenz.
Der Betreiber des Schallplattenladens „Schwarzes Gold“ bringt Mica an einen Punkt, an dem dessen bisherige Gewissheiten nicht mehr ganz funktionieren. Aus Anziehung wird etwas, das mehr verlangen könnte als eine unverbindliche Nacht. Gleichzeitig treffen zwei Männer aufeinander, die beide ihre eigenen Schutzmechanismen ziemlich gut beherrschen.
Mica entscheidet sich schließlich für Veränderung.
Im November beendet er seinen OnlyFans-Kanal. Nicht aus Scham über das, was er dort gemacht hat – zu seiner Vergangenheit steht er weiterhin –, sondern weil er für sich eine andere Richtung einschlägt.
Mit Kofi führt er eine radikal ehrliche Aussprache. Beide verzichten auf große Versprechen und einigen sich stattdessen auf etwas, das vielleicht viel besser zu ihnen passt:
Sie versuchen es miteinander.
Für einen Mann, der lange sehr genau wusste, wie man Nähe genießen kann, ohne sich dabei festzulegen, ist das ein ziemlich großer Schritt.
Und vermutlich erst der Anfang.