Tracy

Bewohner der Königsstrasse

Tracy

Die Floristin mit dem verwunschenen Urwald

Klein, sommersprossig und meistens mit ihrer grünen Schürze anzutreffen, gehört Tracy längst zum festen Bild der Königsstrasse. Sie kennt ihre Kunden, ihre Nachbarn und ziemlich viele Geschichten, die zwischen beidem liegen. Ursula Bermann vertraut ihr sogar den Ersatzschlüssel ihrer Wohnung an. Jakob und Marc überlassen ihr die Pflanzen ihres Dachgartens, und wenn in der Straße Hilfe gebraucht wird, ist Tracy selten weit entfernt. Dabei macht sie um ihre Hilfsbereitschaft wenig Aufhebens. Manchmal ist eben ein Kürbis übrig. Manchmal braucht jemand Blumen. Und manchmal braucht jemand einfach etwas Schönes.

Tracy ist um die 30 und betreibt „Une Profusion de Fleurs“ im Erdgeschoss von Haus Nummer 5. Zwischen Blumen, Pflanzen und Kübeln hat sie dort einen Laden geschaffen, der eher an einen verwunschenen Urwald erinnert als an ein gewöhnliches Blumengeschäft.

Und wer lange genug in der Königsstrasse lebt, weiß: Bei Tracy bekommt man gelegentlich mehr als nur Blumen.

Tracys Reich liegt im Erdgeschoss von Haus Nummer 5.

„Une Profusion de Fleurs“ trägt seinen Namen nicht ohne Grund. Pflanzen stehen in Kübeln bis hinaus auf den Bürgersteig, im Inneren wachsen Blumen und Grün beinahe übereinander und zwischen all dem bewegt sich Tracy mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der ziemlich genau weiß, wohin jeder Topf gehört.

Der Blumenladen ist allerdings längst mehr als ihr Arbeitsplatz. Er gehört zum sozialen Gefüge der Königsstrasse.

Das zeigt sich manchmal an erstaunlich kleinen Dingen. Der Ersatzschlüssel von Ursula Bermanns Wohnung liegt beispielsweise bei Tracy. Nicht bei irgendeinem anonymen Schlüsseldienst und nicht irgendwo versteckt – bei Tracy. Weil Ursula ihr vertraut.

Auch sonst ist Tracy eine Frau, bei der die Grenzen zwischen Kundschaft und Nachbarschaft ziemlich fließend werden können. Sie hilft bei Festen, stellt Pflanzen und Dekoration zur Verfügung und kennt viele der Menschen in der Straße schon lange genug, um zu wissen, wann man besser nachfragt – und wann nicht.

Als die Bar jeder Vernunft gerettet werden soll, gehört Tracy zu den Bewohnern und Gewerbetreibenden, die Gustav bei dem Vorhaben unterstützen. Später kümmert sie sich auch um die Bepflanzung des Dachgartens von Jakob und Marc in Haus Nummer 19.

Dabei besitzt ihre Hilfsbereitschaft wenig Feierliches. Tracy tut Dinge meistens einfach.

Als eines Morgens versehentlich dreißig Kürbisse zu viel vor ihrem Laden landen, wird daraus deshalb keine Katastrophe. Sie dekoriert damit den Eingang, verteilt einige und schenkt Frau Waltenberger einen davon. Die ältere Frau könne schließlich etwas daraus kochen. Bezahlen müsse sie dafür nichts.

Vielleicht beschreibt diese kleine Begegnung Tracy besser als jede lange Charakterisierung.

Sie mag schöne Dinge. Sie weiß aber auch, dass Schönheit manchmal ein Luxus ist, den sich nicht jeder leisten kann.

Dann verschenkt sie eben einen Kürbis.

Und am nächsten Morgen steht sie wieder zwischen ihren Blumen, bindet Sträuße und bekommt wahrscheinlich ganz nebenbei mit, was es Neues in der Königsstrasse gibt.

„Diesmal war das Leben nicht geizig.“