Ursula Bermann

Bewohner der Königsstrasse

Ursula Bermann

Die Chronistin der Königsstrasse

Wer wissen möchte, was in der Königsstrasse passiert, könnte Ursula fragen. Vermutlich muss man das allerdings gar nicht. Seit mehr als fünfzig Jahren beobachtet sie, wie Menschen kommen und gehen, Geschäfte eröffnen und verschwinden und aus einer eher bürgerlich-stillen Straße die Nachbarschaft wird, die sie heute ist. Dabei ist Ursula keine stille Chronistin. Sie mischt sich ein, hilft, fragt nach und besitzt ein bemerkenswertes Talent dafür, Fürsorge und Neugier so miteinander zu verbinden, dass nicht immer ganz klar ist, wo das eine endet und das andere beginnt. Donnerstags um halb vier sitzt sie zuverlässig im Café Frühling. Und wer mit ihr in der Hausgruppe ist, bekommt ziemlich sicher irgendwann ein kitschiges GIF geschickt.

Als Ursula 1972 gemeinsam mit ihrem frisch angetrauten Mann Manfred in den zweiten Stock von Haus Nummer 5 zieht, beginnt für sie ein Leben, das untrennbar mit der Königsstrasse verbunden bleiben wird.

Hier bauen Ursula und Manfred ihr gemeinsames Zuhause auf. 1975 kommt ihr Sohn Holger zur Welt, 1984 ihre Tochter Claudia. Die Kinder wachsen in der Straße auf, werden erwachsen und beginnen irgendwann ihr eigenes Leben. Währenddessen verändert sich auch die Nachbarschaft vor Ursulas Fenstern.

Geschäfte verschwinden, neue eröffnen. Menschen ziehen ein und wieder aus. Aus dem ehemaligen Postamt wird das Café Frühling, aus „Wolle & Knöpfe“ irgendwann Tracys Blumenladen. Die Königsstrasse verändert sich – Ursula bleibt.

Und Manfred bleibt an ihrer Seite.

Der Tischler ist der ruhigere Teil ihrer Ehe: warm, geerdet und aufmerksam. Ein Mann, der keine großen Reden braucht und Ursula selbst nach einem Streit noch seinen Gute-Nacht-Kuss gibt.

2013 endet dieses gemeinsame Leben vollkommen unerwartet. Manfred stirbt an einem Herzinfarkt, friedlich in seinem Sessel unter der Stehlampe.

Ursula entscheidet sich danach ganz bewusst gegen einen Neuanfang an einem anderen Ort. Die Wohnung in Haus Nummer 5 ist ihr Zuhause. Hier hat sie mit Manfred gelebt, ihre Kinder großgezogen und Jahrzehnte ihres Lebens verbracht. Also bleibt sie.

Vielleicht schaut sie gerade deshalb etwas genauer hin, wenn andere Menschen in der Straße ihren Platz suchen.

Heute ist Ursula eines der verbindenden Elemente der Nachbarschaft. Sie kennt die alten Geschichten und interessiert sich mindestens ebenso sehr für die neuen. Der Ersatzschlüssel ihrer Wohnung liegt bei Tracy. Donnerstags um halb vier gehört ihr Platz im Café Frühling ihr. Und natürlich ist sie Mitglied der Hausgruppe, die sie zuverlässig mit Nachrichten und kitschigen GIFs versorgt.

Dass ihre Fürsorge gelegentlich ein klein wenig aufdringlich werden kann, gehört ebenfalls dazu. Ursula meint es gut. Eigentlich immer. Was nicht zwingend bedeutet, dass jeder Mensch in ihrer Umgebung in jedem einzelnen Moment dankbar dafür sein muss.

Ihr Sohn Holger kehrt nach vielen Jahren in die Königsstrasse zurück und bringt sein eigenes, ziemlich durcheinandergeratenes Leben mit. Ursula erlebt, wie ihre Familie sich weiter verändert, wie neue Menschen Teil der Nachbarschaft werden und wie aus den jungen Bewohnern von heute irgendwann selbst Menschen werden, die Geschichten über diese Straße erzählen können.

Bis dahin übernimmt das Ursula.

Schließlich muss ja jemand wissen, was hier los ist.

„Mein Manfred …“