Es gibt Romanreihen, die sich einem festen Hauptdarsteller widmen, der immer wieder neue Abenteuer erlebt und im Laufe der Reihe wächst und sich verändert.
Beispiele dafür wären die Hercule-Poirot-Romane von Agatha Christie oder die Geschichten um Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle.
Wir wollten mit der Königsstrasse einen anderen Weg einschlagen.
Jeder Roman sollte für sich stehen und eine abgeschlossene Geschichte erzählen. Man sollte jedes Buch lesen können, ohne einen riesigen Ballast an Vorgeschichte mit sich herumzuschleppen.
Aus diesem Grund ist in Willkommen in der Nachbarschaft zwar Valentin die Hauptperson, aus deren Perspektive wir die Geschichte erleben – der eigentliche Hauptdarsteller ist aber Haus Nummer 5 mit seiner dunkelgrünen Fassade und seiner etwas verschrobenen Hausgemeinschaft.
Und ganz nebenbei geschah noch etwas anderes.
Figuren, die in Valentins Geschichte zunächst nur am Rand auftauchten und die wir für die Atmosphäre oder den Plot brauchten, begegneten uns in späteren Geschichten wieder. Manche von ihnen so lange, bis sie irgendwann ihre eigenen Abenteuer erlebten.
So wurden Mein Manfred, Männerwirtschaft, Schwarzes Gold und sogar Dreiklang letztlich auch deshalb möglich, weil ihre Figuren bereits in Willkommen in der Nachbarschaft Gastauftritte hatten – oder dort zumindest ihre ersten Fußspuren hinterlassen haben.
Das war anfangs gar kein großer Masterplan.
Es ergab sich schlicht aus der Art, wie die Königsstrasse langsam gewachsen ist.
Wir brauchen keinen neuen Elektriker
Denn das ist ein weiterer wichtiger Punkt der Königsstrasse-Reihe.
Wir sprechen von 19 Häusern. Nehmen wir der Einfachheit halber vier Stockwerke pro Haus und zwei bis drei Wohnungen pro Etage an, kommen wir theoretisch bereits auf knapp 200 Wohnungen. Natürlich ist das keine belastbare Volkszählung der Königsstrasse – manche Häuser sind anders aufgebaut, in vielen Erdgeschossen befinden sich Geschäfte und längst nicht jede Wohnung haben wir überhaupt schon betreten.
Aber es verdeutlicht das Problem.
Würden wir für jede einzelne Funktion in einer Geschichte eine neue Figur erfinden, hätten wir ziemlich schnell einen Cast, den niemand mehr überblicken könnte. Uns eingeschlossen.
Deshalb greifen wir gerne auf Menschen zurück, die bereits in irgendeiner Form etabliert wurden: Pascal, der Hinterhof-Schrauber. Mica, der DJ. Jonas Steiner, der Barkeeper. Und viele andere.
Wenn wir einen DJ brauchen und bereits einen kennen – warum sollten wir einen neuen erfinden?
Das klingt zunächst nach schnöder Figurenökonomie. Tatsächlich hat dieses Vorgehen aber einen schönen Nebeneffekt: Die Königsstrasse bekommt ein Gedächtnis.
Man begegnet Menschen wieder.
Man weiß vielleicht noch, woher man sie kennt. Man erfährt irgendwann etwas Neues über jemanden, der drei Romane zuvor nur einen kurzen Auftritt hatte. Und manchmal stellt sich plötzlich heraus, dass ausgerechnet diese vermeintliche Nebenfigur eine Geschichte mit sich herumträgt, die einen ganzen Roman füllen kann.
Während ich diese Zeilen schreibe, ist unsere Weltenbibel trotz dieses sparsamen Umgangs mit neuen Figuren mittlerweile auf rund 30 eng beschriebene Seiten angewachsen.
Und sie wächst weiter.
Aber nicht jeder darf hier wohnen
Denn jeder neue Hauptdarsteller bringt wiederum Menschen mit.
Familie. Freunde. Arbeitskollegen. Ex-Partner. Neue Bekanntschaften. Menschen, die ihn charakterisieren, ihn herausfordern oder etwas in ihm auslösen.
Diese „Haupt-Nebenfiguren“ können natürlich nicht alle ebenfalls in der Königsstrasse wohnen. Irgendwann wäre es doch etwas unglaubwürdig, wenn der neue Arbeitskollege zufällig in Haus 8 wohnt, die Schwester zwei Häuser weiter und der Ex-Freund ausgerechnet über dem Café Frühling.
Die Königsstrasse soll ein besonderer Ort sein.
Aber kein schwarzes Loch, das sämtliche Menschen der Stadt verschluckt.
Und damit wären wir wieder bei dieser kleinen, abgelegenen Sackgasse mit ihren markanten Kastanienbäumen und den bunten Gründerzeithäusern.
Immer dieselbe Straße – und trotzdem eine andere
Immer wenn unsere Figuren die Königsstrasse betreten, verändert sich der Takt der Geschichte um eine Nuance.
Die Straße wirkt auf die Protagonisten.
Das Reizvolle daran ist, dass jeder Charakter sie anders wahrnimmt, denn auch wir lernen die Königsstrasse immer wieder durch andere Augen kennen.
Eine Ursula Bermann sieht diese Straße vollkommen anders als ein Konstantin Hegel. Valentin nimmt sie anders wahr als Pascal Kühn. Ein Mensch, der seit Jahrzehnten hier lebt, entdeckt andere Dinge als jemand, der gerade zum ersten Mal in die Sackgasse einbiegt.
Dadurch verändert sich auch die Königsstrasse selbst von Geschichte zu Geschichte – obwohl ihre Häuser natürlich am selben Platz stehen.
Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir nach all diesen Geschichten immer noch gerne hierher zurückkehren.
Die Hauptdarsteller kommen und gehen. Aus Nebenfiguren werden Hauptfiguren und aus ehemaligen Hauptfiguren wieder Menschen, die irgendwo im Hintergrund ein Bier trinken, einen Kaffee bestellen oder kurz durchs Bild laufen.
Aber eine Figur ist immer dabei.
Die Königsstrasse selbst.
Und sie hat noch verdammt viele Türen, die wir bisher nicht geöffnet haben.
