Notizen aus der Königsstrasse

Geschichten entstehen nicht erst auf der ersten Seite.

Im Schreibblog erzählen Uli Ross und Marcus Wiegand von Figuren, Entscheidungen, Umwegen und all den kleinen Beobachtungen, aus denen die Königsstrassen-Romane wachsen.

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Blick durch die von Bäumen gesäumte Königsstrasse

Hinter den Kulissen

Aus dem gemeinsamen Schreibzimmer.

Der Blog befindet sich im Aufbau. Erste Beiträge können hier bereits vor dem offiziellen Start vorbereitet und nach und nach ergänzt werden.

Aus dem Schreibzimmer · 20. August 2026

Warum wir diesen Schreibblog beginnen

Die Königsstrasse wächst mit jedem Gespräch, jeder neuen Figur und manchmal auch mit einer Idee, die ursprünglich nur für eine einzige Szene gedacht war.

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Weltenbau · 24. August 2026

Ein ganz besonderer Kiez

Wie aus Haus Nummer 5 nach und nach eine ganze Straße entstand – mit vertrauten Geschäften, offenen Türen und einer Gemeinschaft, die einen auffängt.

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Serienkonzept · Figuren und Schauplätze

Die eigentliche Hauptfigur hat 19 Häuser

Es gibt Romanreihen, die sich einem festen Hauptdarsteller widmen, der immer wieder neue Abenteuer erlebt und im Laufe der Reihe wächst und sich verändert.

Beispiele dafür wären die Hercule-Poirot-Romane von Agatha Christie oder die Geschichten um Sherlock Holmes von Sir Arthur Conan Doyle.

Wir wollten mit der Königsstrasse einen anderen Weg einschlagen.

Jeder Roman sollte für sich stehen und eine abgeschlossene Geschichte erzählen. Man sollte jedes Buch lesen können, ohne einen riesigen Ballast an Vorgeschichte mit sich herumzuschleppen.

Aus diesem Grund ist in Willkommen in der Nachbarschaft zwar Valentin die Hauptperson, aus deren Perspektive wir die Geschichte erleben – der eigentliche Hauptdarsteller ist aber Haus Nummer 5 mit seiner dunkelgrünen Fassade und seiner etwas verschrobenen Hausgemeinschaft.

Und ganz nebenbei geschah noch etwas anderes.

Figuren, die in Valentins Geschichte zunächst nur am Rand auftauchten und die wir für die Atmosphäre oder den Plot brauchten, begegneten uns in späteren Geschichten wieder. Manche von ihnen so lange, bis sie irgendwann ihre eigenen Abenteuer erlebten.

So wurden Mein Manfred, Männerwirtschaft, Schwarzes Gold und sogar Dreiklang letztlich auch deshalb möglich, weil ihre Figuren bereits in Willkommen in der Nachbarschaft Gastauftritte hatten – oder dort zumindest ihre ersten Fußspuren hinterlassen haben.

Das war anfangs gar kein großer Masterplan.

Es ergab sich schlicht aus der Art, wie die Königsstrasse langsam gewachsen ist.

Wir brauchen keinen neuen Elektriker

Denn das ist ein weiterer wichtiger Punkt der Königsstrasse-Reihe.

Wir sprechen von 19 Häusern. Nehmen wir der Einfachheit halber vier Stockwerke pro Haus und zwei bis drei Wohnungen pro Etage an, kommen wir theoretisch bereits auf knapp 200 Wohnungen. Natürlich ist das keine belastbare Volkszählung der Königsstrasse – manche Häuser sind anders aufgebaut, in vielen Erdgeschossen befinden sich Geschäfte und längst nicht jede Wohnung haben wir überhaupt schon betreten.

Aber es verdeutlicht das Problem.

Würden wir für jede einzelne Funktion in einer Geschichte eine neue Figur erfinden, hätten wir ziemlich schnell einen Cast, den niemand mehr überblicken könnte. Uns eingeschlossen.

Deshalb greifen wir gerne auf Menschen zurück, die bereits in irgendeiner Form etabliert wurden: Pascal, der Hinterhof-Schrauber. Mica, der DJ. Jonas Steiner, der Barkeeper. Und viele andere.

Wenn wir einen DJ brauchen und bereits einen kennen – warum sollten wir einen neuen erfinden?

Das klingt zunächst nach schnöder Figurenökonomie. Tatsächlich hat dieses Vorgehen aber einen schönen Nebeneffekt: Die Königsstrasse bekommt ein Gedächtnis.

Man begegnet Menschen wieder.

Man weiß vielleicht noch, woher man sie kennt. Man erfährt irgendwann etwas Neues über jemanden, der drei Romane zuvor nur einen kurzen Auftritt hatte. Und manchmal stellt sich plötzlich heraus, dass ausgerechnet diese vermeintliche Nebenfigur eine Geschichte mit sich herumträgt, die einen ganzen Roman füllen kann.

Während ich diese Zeilen schreibe, ist unsere Weltenbibel trotz dieses sparsamen Umgangs mit neuen Figuren mittlerweile auf rund 30 eng beschriebene Seiten angewachsen.

Und sie wächst weiter.

Aber nicht jeder darf hier wohnen

Denn jeder neue Hauptdarsteller bringt wiederum Menschen mit.

Familie. Freunde. Arbeitskollegen. Ex-Partner. Neue Bekanntschaften. Menschen, die ihn charakterisieren, ihn herausfordern oder etwas in ihm auslösen.

Diese „Haupt-Nebenfiguren“ können natürlich nicht alle ebenfalls in der Königsstrasse wohnen. Irgendwann wäre es doch etwas unglaubwürdig, wenn der neue Arbeitskollege zufällig in Haus 8 wohnt, die Schwester zwei Häuser weiter und der Ex-Freund ausgerechnet über dem Café Frühling.

Die Königsstrasse soll ein besonderer Ort sein.

Aber kein schwarzes Loch, das sämtliche Menschen der Stadt verschluckt.

Und damit wären wir wieder bei dieser kleinen, abgelegenen Sackgasse mit ihren markanten Kastanienbäumen und den bunten Gründerzeithäusern.

Immer dieselbe Straße – und trotzdem eine andere

Immer wenn unsere Figuren die Königsstrasse betreten, verändert sich der Takt der Geschichte um eine Nuance.

Die Straße wirkt auf die Protagonisten.

Das Reizvolle daran ist, dass jeder Charakter sie anders wahrnimmt, denn auch wir lernen die Königsstrasse immer wieder durch andere Augen kennen.

Eine Ursula Bermann sieht diese Straße vollkommen anders als ein Konstantin Hegel. Valentin nimmt sie anders wahr als Pascal Kühn. Ein Mensch, der seit Jahrzehnten hier lebt, entdeckt andere Dinge als jemand, der gerade zum ersten Mal in die Sackgasse einbiegt.

Dadurch verändert sich auch die Königsstrasse selbst von Geschichte zu Geschichte – obwohl ihre Häuser natürlich am selben Platz stehen.

Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir nach all diesen Geschichten immer noch gerne hierher zurückkehren.

Die Hauptdarsteller kommen und gehen. Aus Nebenfiguren werden Hauptfiguren und aus ehemaligen Hauptfiguren wieder Menschen, die irgendwo im Hintergrund ein Bier trinken, einen Kaffee bestellen oder kurz durchs Bild laufen.

Aber eine Figur ist immer dabei.

Die Königsstrasse selbst.

Und sie hat noch verdammt viele Türen, die wir bisher nicht geöffnet haben.

Weltenbau · Die Königsstrasse

Ein ganz besonderer Kiez

Als wir die Königsstrasse für uns entwickelten, begann alles mit Haus Nummer 5.

Das dunkelgrün gestrichene Haus mit seiner leicht verschrobenen Hausgemeinschaft und dem Blumenladen mit dem beinahe unaussprechlichen Namen Une profusion de fleurs. Übersetzt bedeutet das ungefähr „Eine Blütenpracht“ – und treffender könnte man Tracys Laden eigentlich kaum beschreiben.

Von Haus Nummer 5 aus bewegten wir uns vorsichtig weiter.

Einige Eckpunkte hatten wir in unserer Fantasie bereits skizziert: Natürlich brauchte die Straße ein Café. Eine Bar. Einen Buchladen. Und einige dieser kleinen Feel-Good-Geschäfte, die allein durch ihre Existenz bereits eine bestimmte Atmosphäre mit in die Geschichten bringen.

Natürlich schreiben wir mit den Königsstrasse-Romanen eine positive Utopie – dazu mehr in einem späteren Blogpost. Trotzdem fühlt sich ein Kiez nur dann glaubwürdig an, wenn er nicht ausschließlich aus hübschen Cafés, Blumenläden und charmanten kleinen Boutiquen besteht.

Auftritt: Elektro Eberhard.

Elektro Eberhard ist eines dieser alteingesessenen Geschäfte, die man vielleicht noch aus der eigenen Kindheit kennt. Herzerwärmend unmodern, geführt von einem etwas knurrigen Elektriker, der nicht nur die eine oder andere kaputte Leitung repariert, sondern nebenbei auch Festplatten und Laptops verkauft.

Auswahl? Eher mangelhaft.

Aber Elektro Eberhard gehört eben genauso zum Kiez wie die Bar jeder Vernunft oder der Blitz-Kiosk, bei dem man ein Bier trinken, seine Pakete abgeben und mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit jemanden treffen kann, den man kennt.

Denn uns war von Anfang an wichtig, dieses besondere Gefühl einer Straßengemeinschaft zu entwickeln, das vielleicht einige noch aus ihrer Kindheit kennen: der Bäcker, der einen morgens begrüßt. Der Postbote, der seit Jahr und Tag derselbe ist. Die Floristin, die einem eine Sonnenblume schenkt, weil sie merkt, dass man gerade keinen besonders guten Tag hat.

Eine Form von Beständigkeit, die einen auffängt, wenn das Leben mal wieder ein bisschen zu viel verlangt.

Ganz besonders zeigt sich das bei den Straßenfesten in der Königsstrasse. Hier wird improvisiert, angepackt, gegenseitig ausgeholfen und vor allem eines:

gefeiert.

Dabei war es uns wichtig, dass die Straße selbst mit jedem Roman ein wenig weiterwächst. Manche Häuser kennen wir inzwischen ziemlich gut. Bei anderen wissen wir vielleicht gerade einmal, wie die Fassade aussieht. Und hinter einigen Türen waren wir bis heute überhaupt noch nicht.

Das ist durchaus Absicht.

Denn so bleibt auch für uns die Möglichkeit, irgendwann eine dieser Türen zu öffnen und herauszufinden, wer eigentlich dahinter wohnt.

Kurzum: Die Königsstrasse sollte ein Ort werden, an dem man sich wohlfühlt. Ein Ort, an den man gerne zurückkehrt – ganz gleich, ob man dort wohnt, gerade erst eingezogen ist oder die Straße nur für die Dauer eines Romans besucht.

Und ich glaube, das ist uns gelungen.

Unser erster Eintrag

Warum wir diesen Schreibblog beginnen

Bevor ein Roman seine erste Leserin oder seinen ersten Leser erreicht, hat er bereits eine lange Reise hinter sich.

Figuren tauchen auf, verändern ihre Pläne und beanspruchen manchmal mehr Raum, als ursprünglich für sie vorgesehen war. Schauplätze bekommen eine Vergangenheit. Aus einem kurzen Gespräch entsteht eine neue Verbindung – und gelegentlich aus einer Nebenfigur die Hauptfigur eines späteren Romans.

Weil wir die Königsstrassen-Romane zu zweit entwickeln, entstehen viele dieser Entscheidungen im Austausch. Wir sprechen über Figuren, prüfen Handlungswege, verwerfen Ideen und entdecken dabei immer wieder Seiten der Strasse, die keiner von uns allein geplant hatte.

In diesem Blog möchten wir künftig von diesem Prozess erzählen: spoilerfrei, ehrlich und nah an der Werkstatt. Es wird um Figuren und Schauplätze gehen, um gemeinsames Schreiben, Überarbeitung, Cover und um die Frage, wie aus vielen einzelnen Geschichten eine zusammenhängende Welt entsteht.

Die Königsstrasse ist noch lange nicht fertig. Genau deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, ihre Entstehung zu begleiten.

Werkstattbericht · Figurenentwicklung

Wie ein Charakter entsteht – am Beispiel von Mica Kehl

Hallo zusammen!

Ich möchte euch in lockerer Reihenfolge ein wenig Einblick in die kreative Arbeit geben, die hinter der Königsstrasse steckt. Und wie der Titel schon verrät, geht es heute ganz konkret um einen Charakter: Mica Kehl.

Mica ist zum ersten Mal in Willkommen in der Nachbarschaft aufgetreten. Dort wurde er als Freund von Nils vorgestellt, der DJ ist und einen OnlyFans-Kanal betreibt – also recht offen mit seiner Sexualität umgeht.

Seine Aufgabe in der Geschichte war damals vor allem, Nils und dessen Umfeld zu spiegeln. Dass Mica DJ wurde, war tatsächlich schlicht der Handlung geschuldet: Ich brauchte jemanden, der Musik macht und mit Nils zum Cruisen geht. So profan das klingt.

Irgendwann später wurde dann etabliert, dass Mica außerdem Resident-DJ im Nachtasyl ist. Auch das hatte zunächst einen sehr praktischen Grund: Zu diesem Zeitpunkt hatte die Königsstrasse bereits eine stattliche Anzahl an Figuren angesammelt. Es machte schlicht keinen Sinn, für dieselbe Tätigkeit noch einen weiteren Namen in den Hut zu werfen, wenn da bereits ein DJ herumstand.

Und so flog Mica als Nebenfigur lange Zeit unter dem Radar.

Er war da. Er hatte seine Funktion. Aber darüber hinaus war er reichlich blass.

Aus einer Funktion wird ein Mensch

Als ich mich mit meiner aktuellen Königsstrasse-Geschichte beschäftigte, stolperte ich beim Korrekturlesen wieder über Mica. Und irgendwann stellte ich mir eine ziemlich einfache Frage:

Wer ist dieser Typ eigentlich?

Mein erster Schritt war tatsächlich, herauszufinden, woher der Name „Mica“ stammt. Unter den verschiedenen Möglichkeiten fiel mir vor allem die slowakische Herkunft ins Auge.

Damit öffnete sich plötzlich eine Tür.

Relativ schnell kamen sein Vater Roman und seine ältere Schwester Vesna hinzu, später auch sein kleiner Neffe Thomas. Ich brauchte diese Familie, um Mica zu erden. Bis dahin kannte man ihn hauptsächlich aus der queeren Szene, vom Auflegen, vom Feiern und durch seine recht offensiv gelebte Sexualität. Mich interessierte zunehmend, wer derselbe Mann ist, wenn er seinem Vater gegenübersitzt oder mit seiner Schwester spricht.

Dann kam die nächste sehr profane Frage:

Wovon lebt Mica eigentlich?

Von gelegentlichen Auftritten und einem Dasein als Resident-DJ vermutlich nicht besonders komfortabel. Also brauchte er einen Beruf – und der sollte so unprätentiös wie möglich sein. So wurde Mica Industriekaufmann. Büro, Kollegen, Kundenbestellungen, Formulare. Ein Alltag, der mit dem Mica, den man nachts im Nachtasyl erlebt, zunächst erstaunlich wenig zu tun hat.

Und genau deshalb gefiel er mir.

Langsam nahm der Charakter Formen an.

Jemand, der einen privaten Kanal im Internet betreibt und sich dort sehr selbstverständlich zeigt, hat vermutlich ein relativ bewusstes Verhältnis zu seinem Körper. Also kamen das Sportrad und das Fitnessstudio FLEX hinzu. Nicht, weil ich auf einer Liste abhaken wollte, was ein solcher Charakter alles braucht, sondern weil sich aus den bereits vorhandenen Eigenschaften plötzlich weitere ergaben.

Aus einem Namen wurde nach und nach ein Mensch.

Und dann machte Mica nicht mehr mit

Bis hierhin war tatsächlich vieles geplant.

Ich hatte eine grobe Outline für den Charakter und wusste ungefähr, welche Geschichte ich mit ihm erzählen wollte. Mica sollte sich vor allem an seinem Love Interest abarbeiten. Daraus sollte ein wesentlicher Teil des Konflikts entstehen.

Nun sind Pläne beim Schreiben eine wunderbare Sache.

Bis die Figuren anfangen, sie zu ignorieren.

Während des Schreibens entwickelte sich plötzlich eine Dynamik zwischen den Charakteren, mit der ich in dieser Form überhaupt nicht gerechnet hatte. Und irgendwann musste ich mir eingestehen, dass diese Dynamik wesentlich interessanter war als die Geschichte, die ich ursprünglich geplant hatte.

Also änderte sich der Roman.

Das passiert mir beim Schreiben übrigens gar nicht so selten. Es ist verwirrend, manchmal ärgerlich und fast immer mit Arbeit verbunden. Denn wenn man merkt, dass die Figuren gerade eine bessere Geschichte erzählen als die eigene Outline, genügt es nicht, ab dem nächsten Kapitel einfach anders weiterzumachen.

Dann muss man zurück.

Man muss bereits geschriebene Kapitel noch einmal ansehen, Szenen verändern, kleine Hinweise neu setzen und manchmal größere Teile der Geschichte umbauen, damit die neue Entwicklung nicht wie eine spontane Idee wirkt, sondern wie etwas, das von Anfang an in den Figuren angelegt war.

Das kann ziemlich nerven.

Aber in den meisten Fällen lohnt es sich, auf die Charaktere zu hören.

Mica jedenfalls hat ziemlich lange gebraucht, bis er mir erzählt hat, wer er eigentlich ist.

Vielleicht musste er dafür erst einmal aufhören, nur der DJ neben Nils zu sein.

Was hier künftig erscheint

Figuren. Handwerk. Umwege. Fortschritte.

  • Entstehung von Figuren und Beziehungen
  • Zusammenarbeit beim Schreiben zu zweit
  • Schauplätze und Geschichte der Königsstrasse
  • Überarbeitung, Cover und Veröffentlichung