Von unserem Schreibtisch

Da ist Musik drin


Wenn ich mich mit einem neuen Charakter beschäftige, dann stelle ich mir anfangs immer ein paar Fragen, um mich seiner Persönlichkeit zu nähern. Fragen wie:

  • Wie ist seine Familie und hat seine Familie etwas damit zu tun, wie er sich heute benimmt? Hat er Geschwister? Haben seine Eltern sich getrennt?
  • Wie verhält sich der Charakter auf einer Party mit vielen Menschen? Steht er im Mittelpunkt? Ist er ein angenehmer Plauderer? Oder steht er eher in der Ecke und wippt mit dem Fuß mit?
  • Welche Überzeugungen hat er? Das meine ich jetzt nicht notwendigerweise im religiösen Sinne – ich meine vielmehr: Isst er kein Fleisch, weil ihm die Tiere leidtun oder weil er seinen ökologischen Fußabdruck klein halten möchte. Fährt er Kurzstrecken mit dem Auto oder mit der Bahn oder mit dem Fahrrad?

Mit diesem Fragenkatalog bekomme ich meistens ein recht umfassendes Bild über den Charakter, ohne, dass ich sein Aussehen beschreiben muss. Ich beginne, mich in den Charakter hineinzufühlen – so zu fühlen wie er.
Und dann ist da noch die letzte Frage, die den Charakter in meinem Kopf abrundet:

  • Welche Musik hört der Charakter?

Die Frage klingt profan und relativ unwichtig.
Für mich ist sie das überhaupt nicht.
Musik transportiert für mich immer ein Grundgefühl für Szenen und Charaktere. Und wenn ich schreibe, läuft eigentlich permanent Musik am Rechner – sehr zum Leidwesen von Uli, der den Schreibtisch neben mir hat.
Und so wechselt der ‚Soundtrack‘ bei mir auch regelmäßig von Buch zu Buch. Bei Valentin und ‚Willkommen in der Nachbarschaft‘ spielte vor allem klassische Musik – explizit Frédéric Chopin – natürlich eine große Rolle. Aber auch Stücke, die ich mit schweißtreibendem Hochsommer verbinde, wie Flamenco-Gitarren und verhaltene Percussion.
Dazu sollte ich vielleicht auch noch erklären, dass wir, als wir noch in Hamburg wohnten, einen Hinterhof hatten, in dem eine Musikschule untergebracht war. Und die hatten im Sommer immer Flamenco-Abende, was wieder die Brücke zur Geschichte von Valentin schlägt.

Eduard hingegen ist ein älterer Charakter. Es wäre einfach gewesen, ihm ebenfalls klassische Stücke zuzuschreiben, aber Eduard hat eine andere Nuance – und so wurde der schrullige Nachbar aus ‚Nachtbalkon‘ ein Liebhaber von Gershwin und Motown. Das passt für mich zu ihm. Nicht unbedingt, weil ein Mann seines Alters solche Musik hören müsste, sondern weil sie etwas von dem Lebensgefühl transportiert, das ich mit Eduard verbinde.

Musik hilft mir, mich in die Geschichte hineinzuversetzen. The Carpenters bei ‚Dreiklang‘ funktionieren als Türöffner, Kofi kennt natürlich Femi Kuti in ‚Schwarzes Gold‘ und in Irenes Garten dudelt das Radio mit ‚Mendocino‘.
Das Interessante daran ist, dass ich diese Musik nicht unbedingt brauche, um dem Leser etwas über den Charakter zu erzählen. Ich brauche sie, um den Charakter selbst besser zu verstehen.
Sie hilft mir, seine Stimmung zu finden, seinen Rhythmus aufzunehmen und für die Dauer einer Szene ein kleines Stück weit in seiner Welt zu leben.
Und wenn mir das gelingt, dann brauche ich die Musik manchmal gar nicht mehr zu erwähnen.

Bis zum nächsten Mal
Marcus Wiegand