Aus dem Schreibzimmer

Die perfekte unperfekte Figur


Es gibt ja kaum etwas Langweiligeres als einen perfekten Hauptdarsteller.
Schon die alten Heldengeschichten wussten das. Siegfried hat diese eine verwundbare Stelle auf der Schulter, die beim Bad im Drachenblut von einem Blatt bedeckt wurde. Superman hat sein Kryptonit.
Ganz so spektakulär geht es in der Königstrasse normalerweise nicht zu.
Unsere Figuren müssen keine Drachen erschlagen und nur äußerst selten einen Planeten retten. Ihre Schwächen sind sehr viel alltäglicher.
Denn Menschen machen Fehler. Menschen verletzen andere Menschen, ohne es zu wollen. Und selbst wenn wir uns größte Mühe geben, nirgendwo anzuecken, treten wir trotzdem irgendwann jemandem auf die Füße.
Daraus entstehen für uns die schönsten Konflikte.
Das menschliche Zusammenleben ist schließlich geprägt von Missverständnissen und unterschiedlichen Wahrnehmungen.
Gustav und Niklas behandeln Linus wie ein rohes Ei – und Linus hasst es. Ursula Bermann meint es eigentlich nur gut mit jedem – und kann einem damit gehörig auf die Nerven gehen. Holger Bermann möchte niemanden bewusst verletzen und richtet trotzdem einen beachtlichen zwischenmenschlichen Flurschaden an.
Keiner dieser Menschen macht das absichtlich.
Es gibt hier keinen Bösewicht.
Aber jede Figur bringt ihr eigenes emotionales Gepäck mit. Und nur weil aus der Sicht von Eduard Lehmann etwas vollkommen richtig erscheint, bedeutet das noch lange nicht, dass jeder andere Bewohner der Königstrasse es genauso empfindet.

Der Widerhaken

Wichtig ist uns deshalb immer das emotionale Gerüst, das diese kleinen Dissonanzen tragen muss.
Äußerlich betrachtet ist Valentin beispielsweise ein Mann, der nie etwas zu Ende bringt. Kurz bevor er irgendwo ankommt, beginnt er lieber etwas vollkommen Neues.
Das kann nerven.
Graben wir allerdings ein wenig tiefer, entdecken wir einen sehr viel verletzlicheren Valentin. Einen Mann, der Angst davor hat, sich festzulegen, weil er irgendwann einmal eine falsche Entscheidung getroffen hat.
Und plötzlich ist aus einer nervigen Eigenschaft etwas anderes geworden.
Sie ist dadurch nicht verschwunden. Sie nervt seine Mitmenschen immer noch. Aber wir können verstehen, woher sie kommt.
Genau diese Widerhaken machen einen Charakter für uns nachvollziehbar und in seiner unperfekten Art liebenswert.

Wenn man seine eigenen Figuren zu gern hat

Schwierig wird es immer dann, wenn Charaktere ein Eigenleben entwickeln.
Es gibt Figuren, die wir während des Schreibens plötzlich selbst so gernhaben, dass wir als Autoren davor zurückschrecken, ihnen auch nur eine kleine Eigenschaft zu geben, die sie ein wenig von ihrem Sockel stoßen könnte.
Ursula Bermann ist dafür wahrscheinlich das beste Beispiel. Frau Bermann hatte zunächst nur eine kleine Rolle in Willkommen in der Nachbarschaft. Sie wurde als etwas tüttelige, neugierige und hilfsbereite Nachbarin in Haus Nummer 5 eingeführt. Und immer wenn Ursula Bermann mit ihrer leicht naiven Art in einer Szene auftauchte, ging irgendwie die Sonne auf.
Denn wahrscheinlich kennt fast jeder diese Art von Nachbarin.
Gleichzeitig hatten wir irgendwann einen gehörigen Respekt vor der „Chronistin der Straße“. Es brauchte tatsächlich einige Romane, bis wir uns trauten, Ursula endlich auch richtige Ecken und Kanten zu geben.
Einen Anfang machte Mein Manfred, in dem ihre eigene Geschichte erzählt wurde.
Später kam ihre Behäbigkeit hinzu. Frau Bermann ist durchaus in der Lage, beim Bäcker die gesamte Schlange aufzuhalten, weil sie ganz genau wissen möchte, wie die verschiedenen Brötchen beschaffen sind – nur um anschließend doch wieder dasselbe Croissant zu kaufen, das sie jeden Tag kauft. Das ist liebenswert. Aber wenn man hinter ihr in der Schlange steht, vermutlich etwas weniger.
Und je mehr wir Ursula kennenlernten, desto deutlicher wurde noch etwas anderes: Die Frau, die jeden in der Straße kennt, die ganz genau beobachtet, was in ihrer Nachbarschaft geschieht, und die beinahe immer für ein Gespräch zu haben ist, ist selbst ein wenig einsam. Das macht ihre Neugier nicht plötzlich zu einer tragischen Charaktereigenschaft. Aber es gibt ihr einen Unterbau.
Und aus der netten älteren Dame aus Haus Nummer 5 wird ein Mensch. Nur gut, dass ihr Sohn Holger bald in die Königstrasse zieht.

Denn Niemand kommt ohne Gepäck

Und letztlich haben alle Bewohner der Königstrasse solche Widerhaken.
Eduard hat seine Verdrängung. Julian seinen Lügenturm. Cat ihre scheinbare Superkraft und die Schwierigkeiten, die daraus entstehen. Jakob sein kompliziertes Verhältnis zu seinen Eltern.
Manchmal sind es große Dinge. Manchmal Kleinigkeiten. Manchmal ist eine Eigenschaft in einer Situation eine Stärke und in der nächsten plötzlich ein Problem.
Und genau das ist für uns der entscheidende Punkt: Eine gute Schwäche macht eine Figur nicht weniger liebenswert. Sie macht sie glaubwürdiger.
Vielleicht müssen wir uns als Autoren deshalb manchmal selbst daran erinnern, dass wir unseren Figuren keinen Gefallen tun, wenn wir sie vor ihren eigenen Fehlern beschützen.

Sie dürfen nerven.
Sie dürfen egoistisch sein.
Sie dürfen Dinge falsch verstehen.
Sie dürfen ungerecht reagieren, beleidigt sein oder aus den richtigen Gründen vollkommen falsche Entscheidungen treffen.

Und wir dürfen sie trotzdem mögen. Vielleicht sogar gerade deshalb.
Wie richtige Menschen eben.