Hinter den Kulissen der Königsstrasse: Teil Vier
Wenn Bilder Teil der Romanwelt werden
Servus z’sammen,
es gibt bei solchen Projekten offenbar einen Moment, an dem man feststellen muss, dass man möglicherweise ein wenig eskaliert ist.
Bei mir war dieser Moment ungefähr erreicht, als ich nicht mehr darüber diskutierte, ob Gustav eine runde Brille trägt. Sondern darüber, ob Gustav auf einem Bild noch die exakt runde Brille trägt wie auf unserem Casting Bild.
Ich hatte inzwischen Häuser visualisiert. Geschäfte. Straßenzüge. Einzelne Figuren, Paare, Familien. Figuren in unterschiedlichen Lebensaltern und komplette Casts einzelner Romane.
Aus dem ursprünglichen Gedanken: „Wir könnten doch mal schauen, wie die Königsstrasse aussehen könnte“ war etwas entstanden, für das es inzwischen Referenzbilder, verbindliche Entscheidungen und erstaunlich viele Regeln gab.
Kurz gesagt: wir hatten uns neben der Königsstrasse ein zweite gebaut. Eine visuelle. Und damit stellte sich eine Frage, die wir am Anfang überhaupt nicht bedacht hatten: Was machen wir jetzt eigentlich damit?
Ein ziemlich großes digitales Familienalbum
Zunächst einmal machte es schlicht Spaß. Und, ich finde, das darf man bei all den Diskussionen um den Einsatz von künstlicher Intelligenz auch einmal sagen. Es ist ein ziemlich eigenartiges Gefühl, Figuren zu sehen, mit denen man teilweise bereits mehrere Romane lebt.
Gustav, Niklas und Linus gemeinsam auf einem Teil der Königsstrasse, nachdem sie vorher ausschließlich als Menschen in einem Manuskript existiert haben.
Ursula und Manfred als junges Ehepaar. Später mit ihren Kindern. Holger als erwachsener Mann. Ursula selbst, Jahrzehnte später.
Und gerade bei Figuren, deren Lebensgeschichte sich über Jahrzehnte erstrecken entsteht dabei so etwas wie der Blick in ein Familienalbum. Natürlich ein vollkommen künstliches. Aber innerhalb unserer fiktiven Welt, der Welt der Königsstrasse, beginnt es plötzlich zu funktionieren.
Man könnte ein Bild von Ursula und Manfred aus den Siebzigern neben eines aus späteren Jahren legen und beinahe vergessen, dass zwischen diesen beiden Aufnahmen keine Jahre vergangen sind. Zwischen ihnen lagen nur ein paar Prompts.
Und, das ist absurd und faszinierend zugleich.
Die Königsstrasse bekommt ein Gesicht
Dann gibt es irgendwann aber einen ganz praktischen Nutzen. Eine Romanreihe braucht irgendwann mehr als Buchcover. Sie braucht Wiedererkennungswert. Eine Webseite, Beiträge in den sozialen Medien. Ankündigungen und Artikel wie diesen hier. Vielleicht auch Vorstellungen einzelner Orte oder Figuren.
Und plötzlich hatten wir dafür nicht mehr nur irgendein passendes Bildmaterial. Wir hatten unsere Königsstrasse.
Wenn auf der Webseite das Café Frühling auftaucht, kann es dasselbe Café Frühling sein, das wir bereits visualisiert haben. Wenn wir Gustav vorstellen müssen, müssen wir nicht nach einem generischen Foto eines bärtigen Mannes suchen. Wir haben Gustav bereits.
Wenn wir über Haus 5 schreiben, gibt es dieses Haus bereits als visuelle Referenz.
Das klingt zunächst nach einer Kleinigkeit. Für eine fortlaufende Romanserie ist es aber ziemlich wertvoll. Denn Wiedererkennung entsteht durch Wiederholung. Bestimme Farben. Bestimme Orte und Gesichter. Insgesamt eine bestimmte Atmosphäre. Je mehr davon zusammenkommt, desto weniger wirkt ein einzelnes Bild wir eine zufällige Illustration. Es wird Teil einer Welt.
Und dann wird es gefährlich
Genau an diesem Punkt muss man aufpassen. Denn Bilder sind mächtig. Man sieht ein Gesicht innerhalb von Sekunden. Man sieht einen Raum und plötzlich scheint er festgelegt.
Beim Schreiben funktioniert Vorstellung anders.
Wenn ich schreibe, dass Ursula an einem Donnerstag um halb vier im Café Frühling sitzt, entsteht bei jedem Leser ein etwas anderes Café. Die Stühle stehen anders. Das Licht fällt anders durch die Kastanien. Vielleicht sieht auch Ursula selbst im Kopf des Lesers vollkommen anders aus.
Das ist kein Fehler. Das ist Literatur.
Ein Roman liefert keine vollständige optische Information. Er erzeugt Bilder gemeinsam mit seinem Leser und unsere Visualisierungen dürfen diesen Raum nicht nachträglich für ungültig erklären.
Deshalb gilt für uns eine ziemlich wichtige Trennung: Unsere Bilder zeigen nicht, wie die Königsstrasse aussieht. Sie zeigen wie wir, Marcus und Uli, sie sehen. Das ist ein Unterschied, den wir erhalten wollen. Denn: Gustav gehört uns allen.
Das gilt besonders für die Figuren. Für uns hat Gustav inzwischen ein festes Gesicht. Wenn auf einem neuen Bild ein Mann erscheint, sagen wir sofort: „Das ist nicht Gustav.“ Für den Leser kann Gustav trotzdem vollkommen anders aussehen. Vielleicht größer. Vielleicht kleiner. Womöglich hat er auch eine andere Nase. Vielleicht hat jemand beim Lesen überhaupt kein detailliertes Gesicht vor Augen, sondern nur ein Gefühl für eine Erscheinung.
Alles davon ist richtig.
Unser KI generierter Cast ist deshalb keine Besetzung, die wir unseren Lesern vorschreiben möchten. Niemand soll einen Roman aufschlagen und vorher lernen müssen: So sieht diese Figur aus. Bitte entsprechend vorstellen.
Die Bilder sind eine zusätzliche Ebene. Ein Blick hinter die Kulissen. Unsere Version der Figuren. Fast so, als würde ein Roman verfilmt und man anschließend sagt: Interessant. Ich hatte ihn mir beim Lesen ganz anders vorgestellt.“ Nur dass wir die Verfilmung im Moment selbst casten.
Wenn das Bild zurückschreibt
Noch spannender ist etwas anderes. Visualisierung funktioniert nicht nur in eine Richtung. Normalerweise lautet der Weg:
Roman – Beschreibung – Bild
Aber irgendwann passiert plötzlich:
Bild – Gedanke – Romanwelt
Man sieht beispielsweise mehrere Figuren gemeinsam in einer Szene und bemerkt erst dadurch Größenunterschiede. Oder man stellt zwei Menschen nebeneinander und du verstehst plötzlich besser, wie unterschiedlich ihre körperliche Präsenz ist.
Man visualisiert einen Hinterhof und merkt, dass ein bestimmter Weg durch die Szene räumlich anders funktionieren müsste, als man ihn bisher im Kopf hatte.
Ein Bild stellt Fragen. Manchmal liefert es sogar Ideen. Das ist grundsätzlich wunderbar, birgt aber die selbe Gefahr. Denn nur weil die KI irgendwo eine hübsche Laterne hinzugefügt hat, stand diese Laterne nicht automatisch schon immer in der Königsstrasse.
Nur weil ein Raum auf einem Bild besonders schön funktioniert, müssen wir nicht die Romane umschreiben. Deshalb haben wir auch dafür inzwischen eine Regel: Die KI darf Vorschläge machen. Kanon für die Königsstrasse, wird sie dadurch nicht.
Wenn uns etwas gefällt, dann können wir es bewusst übernehmen. Dann wird aus einem Zufall tatsächlich ein neues Detail der Welt. Aber, diese Entscheidung treffen immer noch wir. Nicht der Bildgenerator.
Unsere Weltenbibel bekommt Konkurrenz
All das führt zu einer Entwicklung, mit der ich nicht gerechnet hatte.
Bisher bestand die Königsstrasse vor allem aus Text. Romanmanuskripten. Notizen. Figurenbiografien und Zeitlinien. Und natürlich unserer Weltenbibel, in der inzwischen ziemlich viele Dinge stehen, die vermutlich die Bewohner einer echten Straße nicht über ihre Nachbarschaft wissen würden.
Nun entsteht langsam eine visuelle Referenzsammlung.
Wie sieht Haus 5 aus? Wie Haus 19? Wie die Bar jeder Vernunft? Wie schaut Gustav aus? Wie Ursula oder Pascal? Welche Kleidung trägt dieser Charakter typischerweise? Wie unterscheiden sich Ursula 1972 von der heutigen Frau? Damit wird das ganze irgendwann fast zu einer Produktionsbibel. Nur produzieren wir keine Fernsehserie. Wir schreiben Bücher. Noch.
Webseite statt Bilderordner
Wir können Orte vorstellen, Figuren, Häuser. Vielleicht irgendwann sogar historische Ansichten der Straße. Wir können zu den Romanen Cast Bilder zeigen oder kleine Einblicke hinter die Kulissen geben.
Und dabei entsteht etwas, das ich besonders schön finde: Die Webseite muss nicht einfach Werbung für die Bücher sein. Sie kann selbst zu einem kleinen Besuch in der Königsstrasse werden.
Jemand liest einen Roman, besucht anschließen die Seite und entdeckt dort das Cuvée Noire. Oder bleibt an Tracy Blumenladen hängen, eher er die Bar jeder Vernunft entdeckt. Vielleicht klickt man sich aber auch durch Haus 5 und stellt fest, wer dort eigentlich alles wohnt. Vielleicht entdeckt man aber auch einen Bewohner aus einem anderen Band und bekommt Lust, dessen Geschichte ebenfalls kennenzulernen.
Dann wären KI Bilder nicht bloß Dekoration. Sie würden genau das Unterstützen, was die Romane ohnehin tun: Die einzelnen Geschichten miteinander verbinden.
Vierzehn Romane später
Das vielleicht Kurioseste an unserem gesamten Experiment ist dabei die Reihenfolge. Wir haben nicht erst eine Welt mit Hilfe von KI erzeugt und anschließend Geschichten hineingeschrieben. Die Geschichten waren längst da. Vierzehn fertige Romane. Vierzehn Geschichten. Figuren mit Beziehungen, Vergangenheiten. Wohnungen, Berufen, Trennungen, Todesfällen, neuen Lieben und Lieblingsplätzen.
Die Königsstrasse brauchte keine künstliche Intelligenz, um zu existieren. Sie existierte bereits. Die KI kam erst danach. Und vielleicht funktioniert das Ganze gerade deshalb für uns so gut.
Wir fragen die Maschine nicht: Erfinde uns eine interessante Straße. Wir sagen: „Da ist unsere Straße. Versuch mal, sie uns zu zeigen.“
Wenn das Ergebnis nicht passt, können wir erklären warum. Wenn eine Figur falsch aussieht, wissen wir es. Wenn eine Beziehung auf einem Bild nicht funktioniert, kennen wir die Beziehung gut genug, um sie zu korrigieren.
Die KI erschafft also nicht die Königsstrasse. Sie bekommt von uns einen ziemlich ausführlichen Rundgang und anschließen darf sie versuchen ein Foto zu machen.
Was davon am Ende bleibt
Vielleicht werden wir in ein paar Jahren auf unsere heutigen Bilder blicken und sie technisch vollkommen überholt finden. Das ist bei der Geschwindigkeit, mit der sich generative KI entwickelt, sogar ziemlich wahrscheinlich. Vielleicht werden wir dann über Dinge lachen, über die wir heute begeistert sind. Vielleicht werden einige Bilder ersetzt, während andere bleiben dürfen.
Aber darum geht es inzwischen gar nicht mehr ausschließlich. Denn durch unser Experiment haben wir selbst unsere Romanwelt noch einmal anders kennengelernt. Wir haben darüber nachgedacht, wie Menschen nebeneinanderstehen. Wie alt sie in einem bestimmten Jahr waren. Wie sich die Straße über die Jahre verändert hat. Welche Details heute noch wichtig sind und welche nur irgendwann zufällig in einem Bild aufgetaucht sind. Und plötzlich, haben wir Figuren, die wir seit vielen Seiten kennen plötzlich gesehen und dabei manchmal festgestellte: „Ja. Genau so.“
Das ist wahrscheinlich der größte Wert dieser ganzen Spielerei. Nicht, dass künstliche Intelligenz uns zeigen kann, wie unsere Romanwelt aussieht. Sondern, dass sie uns zwingt, selbst noch einmal sehr genau hinzusehen.
Die Königsstrasse war vorher schon da. Jetzt haben wir nur angefangen Fotos von ihr zu machen.
Liebe Grüße
Euer Uli