Hinter den Kulissen der Königsstrasse: Teil Eins

Wenn eine Romanstraße plötzlich sichtbar wird


Servus z‘sammen,
heute möchte ich euch mitnehmen, in ein Experiment, das einfach begonnen hat.
Vierzehn Bände lang existierte die Königsstrasse vor allem in unseren Köpfen. Das heißt genau, in den Köpfen von Marcus und mir.
Dann machten wir den Fehler, sie uns zeigen zu lassen.
Wobei „Fehler“ hier eigentlich das falsche Wart ist. Sagen wir lieber: Wir öffneten eine Tür, hinter der sich überraschend viel Arbeit verbarg. Denn eigentlich war die Sache nur ganz harmlos gedacht.
Die Königsstrasse ist in den Romanen inzwischen ziemlich genau beschrieben. Wir wissen, welches Haus welche Nummer trägt, wer darin wohnt und welches Geschäft sich im Erdgeschoss befindet. Wir wissen das, das Haus mit der Hausnummer 5 eine grüne Fassade hat, im Erdgeschoss befindet Tracys Blumenladen „Une Profusion de Fleurs“ und aussieht wie ein kleiner verwunschener Urwald. Von Hausnummer 8 wissen wir, dass es in einem ziemlich selbstbewussten violett dasteht, während die Hausnummer 9 daneben matt gelb gestrichen ist. Wir wissen, wo das Café Frühling liegt, wo Gustav seine Pralinen verkauf und das vor der Wäscherei Yilmaz seit Ewigkeiten eine Bierbank steht.
Wir wissen sogar Dinge, die vermutlich kein vernünftiger Mensch über eine fiktive Straße wissen müsste.
Zum Beispiel, dass der vierte Stock der Hausnummer 5 durch einen Glastür vom restlichen Treppenhaus getrennt ist. Eine Glastür, die mit einem Ring und „Near Field Communication“ geöffnet werden kann.
Oder, dass der gusseiserne Aufzug in der Hausnummer 6 unter Denkmalschutz steht.
Aber auch ganz banale Sachen, wie: Pascals Werkstatt liegt im Hinterhof der Hausnummer 8, im Ladengeschäft des Hauses befindet sich Olivas Boutique.
Oder auch, durch ein schmiedeeisernes Tor kommt man in den Hinterhof der Hausnummer 19, dort liegt die Galerie von Weilerstedt, und diese wird eben von jener Bettina von Weilerstedt betrieben.
Kurz gesagt: In unserer Fantasie existiert die Königsstrasse. Nur eben nicht wirklich.

Wie sieht sie eigentlich aus?

Irgendwann kam zwischen uns dann diese Frage auf: Können wir sie nicht einmal für uns sichtbar machen?
Nicht als Stadtplan. Nicht als technische Illustration. Sondern so, als würde jemand mit einer Fotokamera durch die Straße laufen.
Also, begannen wir, mit generative KI Bilder unserer Romanwelt zu erstellen.
Und, das klang zunächst erstaunlich einfach. Man beschreibt ein Haus, nennt die Fassadenfarbe, erklärt, was sich im Erdgeschoss befindet, stellt ein paar alte Kastanien davor und wartet darauf, dass die KI einem die Straße aus dem eigenen Kopf auf den Bildschirm zaubert.
Theoretisch!
Praktisch stellt man jedoch ziemlich schnell fest, dass eine generative KI eine ganz eigene Vorstellung davon hat, was man z.B. „mit drei gleich großen Stufen“ meint. Oder mit „kein Eckhaus“, oder einfach mit „eine Bierbank“. Manchmal war es auch so: „Das Geschäft befindet sich NUR in der Hausnummer 9“.
Man beginnt also nachzubessern.
„Die dargestellte Markise muss anders aussehen“, „Die Straße muss insgesamt breiter angelegt sein“, „Die Kastanien müssen höher sein“. Auch die Häuser waren fehleranfällig. „Das Haus sollte weniger modern sein“ oder „Das Nachbarhaus darf nicht plötzlich verschwinden“ – was uns wieder zum Eckhaus führte.
Auch jene berühmten drei Stufen, am Eingang der Bar jeder Vernunft stellten sich als großer Stolperstein heraus. Sie brauchte drei Stufen, nicht zwei, nicht nur eine. Und bitte kein Geländer.
Und irgendwann passierte es: Ich saß vor dem Bildschirm und diskutierte mit der künstlichen Intelligenz über die korrekte Anzahl der Treppenstufen von einer Bar, die bis dahin nur in der Vorstellung von Markus und mir existierte.
Spätestens an diesem Punkt war mir eines klar: Wir waren in etwas hineingeraten, was so nicht geplant war und trotzdem passierte aber auch etwas Faszinierendes:

Aus Bildern wurde eine Kulisse

Die ersten Bilder waren Visualisierungen. Das Café Frühling war tatsächlich zu einem Café, an dem man vorbeigehen konnte. Vor den Fenstern standen die Rattan Stühle bis weit hinaus auf die Straße, darüber wehte die cremefarbene Markise im leichten Wind und die alten Kastanien warfen ihre Schatten.
Dann kam der Blitzkiosk. Die Wäscherei Yilmaz und das Cuvée Noire, ehe die Bar jeder Vernunft folgen sollte. Dann Tracys Blumenladen und schließlich das ikonische Haus mit der Hausnummer 19.
Und plötzlich, waren das nicht mehr nur einzelne Bilder. Sie begannen zusammenzugehören. Plötzlich entstand eine visuelle Sprache für unsere Königsstrasse. Gründerzeithäuser, die nicht nach frisch sanierter Luxusimmobilie aussehen sollten. Unterschiedliche Fassaden. Unterschiedliche Geschäfte. Markisen, Tische, Bänke, Pflanzen, Schilder. Kurzum, eine Straße, die wenig zusammengewürfelt sein darf, weil sie über Jahrzehnte gewachsen war.
Und genau dieser Punkt war wichtig!
Denn, die Königsstrasse sollte nicht wie eine Kulisse aussehen. Unsere Königsstrasse hat bereits eine Geschichte.
1972 ziehen Ursula und Manfred Bermann in das Haus mit der Hausnummer 5. In den Achtzigern erlebt Eduard die Zeit der Straße. Irene Kaufmann und Klaus Noichel kämpfen über Jahrzehnte darum, den Charakter der Straße zu bewahren. Geschäfte verschwinden in dieser Zeit, andere kommen hinzu. Aus dem ehemaligen Postamt wird 2006 das Café Frühling. Tracy eröffnete ihren Blumenladen erst 2012, vorher war dort jahrzehntelang „Wolle und Knöpfe“. Kossmanns Kuscheltierladen, muss schließlich einem Büro von Kaufmann Immobilieninvest weichen. Die Straße veränderte sich mit den Jahren.
Und genau dies, sollten auch unsere Visualisierungen können.

Der Text bleibt die Wahrheit

Und aus genau diesem Grund haben wir für uns selbst eine wichtige Regel aufgestellt: Nicht das Bild entscheidet, wie die Königsstrasse aussieht. Der Roman entscheidet es.
Das klingt so niedergeschrieben ziemlich banal, ist es aber nicht mehr, sobald generative KI ins Spiel kommt. Denn natürlich entstehen Bilder, bei denen man denkt: Oh, das ist schön. Vielleicht manchmal sogar schöner als das, was ursprünglich beschrieben wurde.
Dann sieht man plötzlich einen Balkon, den es vorher nicht gab. Ein Geschäft hat eine andere Farbe oder ein Haus bekommt einen zusätzlichen Eingang. Oder, die platziert einen hübschen kleinen Baum, weil er im Bild einfach wunderbar funktioniert. Nur, er gehört eben nicht dorthin.
Wir, Marcus und ich, haben eine Weltenbibel und eben jenes Dokument ist nicht nur beim Schreiben extrem hilfreich. Sie ist auch die Grundlage für unsere Visualisierungen.
Und immer, wenn die KI und die Königsstrasse unterschiedlicher Meinung sind, gewinnt die Königsstrasse. Immer. Wirklich Immer.
Zumindest theoretisch.
In der Praxis gewinnt gelegentlich auch die KI, weil wir nach dem zwölften Versuch beschließen, dass diese verdammte Markise jetzt eben so bleibt.

Und dann kamen die Menschen

Bis hierhin hatten wir einen entscheidenden Fehler gemacht. Wir hatten eine wunderschöne Straße gebaut.
Aber – in einer Straße leben Menschen. Und gerade die Königsstrasse funktioniert überhaupt erst durch ihre Bewohner.
Denn, was wäre Hausnummer 5 ohne Ursula Bermann? Was wäre das Cuvée Noire ohne Gustav? Die Bar jeder Vernunft ohne Jonas und der Blumenladen ohne Tracy?
Also, begann ich irgendwann einmal die Figuren zu visualisieren. Zunächst ganz vorsichtig.
Wie könnte Arne aussehen? Wie Valentin? Und Nils (der noch keinen Nachnamen hatte). Und irgendwann in diesem Prozess passierte dabei etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Auf den generierten Bildern erschienen nicht mehr irgendwelche Männer, die ungefähr zu den Beschreibungen passten. Nein, plötzlich stand dort vor mir, auf diesem generierten Bild, Gustav.
Es war nicht mehr nur: So könnte Gustav aussehen. Sondern es war: Das ist Gustav.
Doch mit genau diesem Punkt begann ein neues Problem. Denn wenn das Gustav ist, dann muss er beim nächsten Mal ebenfalls Gustav sein. Und beim übernächsten Bild. Auch auf dem Bild, wo Linus neben ihm steht. Und auch dann, wenn Niklas dazu kommt. Und wenn die drei miteinander reden, lachen oder einfach nur auf der Königsstrasse stehen.
So wurde aus der Visualisierung plötzlich so etwas wie ein Casting. Ich hatte angefangen unsere Romanfiguren zu besetzen. Und damit wurde es alles noch einmal erheblich komplizierter.
Denn eine künstliche Intelligenz dazu zu bringen, einen attraktiven Mann mit schwarzem Vollbart, runder Brille, Septumring und Tattoos zu erzeugen, ist eine Sache.
Ihr anschließend aber zu erklären: Nein. Nicht irgendeinen attraktiven Mann mit schwarzem Vollbart, runder Brille, Septumpiercing und Tattoos. Genau diesen hier. Das ist Gustav, daher Finger weg von seinem Gesicht.
… das ist eine vollkommen andere. Und diese Geschichte, hebe ich mir für den zweiten Teil auf.
In diesem Sinn, viel Spaß in der Königsstrasse und wir lesen uns bald an dieser Stelle wieder.
Bis dahin euer Uli