Entstehung der Königsstrasse
Wie alles begann

Servus z’sammen,
heute möchte ich euch einmal mitnehmen auf eine Reise, an deren Ende eine Straße, eine Nachbarschaft und inzwischen vierzehn fertige Romane stehen.
Aber das schicke ich an dieser Stelle vorweg: DIESER ARTIKEL ENTHÄLT MÖGLICHERWEISE SPOILER.
Jeder, der schon einmal versucht hat, ernsthaft zu schreiben, kennt das. Man entwickelt eine Idee, plant eine Geschichte und beginnt schließlich irgendwann, sie niederzuschreiben. So erging es auch mir, Uli Ross. Gedanklich war ich bei meinen ersten Romanen noch in San Mortano, als sich eine weitere Idee in meinem Kopf formte.
Café Frühling.
Ein queeres Café – irgendwo auf der Welt –, ein Safe Space für alle Menschen. Ein Ort, an dem jeder einfach er selbst sein darf.
Zwei Charaktere sollten die Hauptrolle spielen: Jakob Weller und Marc Brenner. Ein schwules Paar in einer bereits seit einigen Jahren bestehenden Beziehung. Jakob sollte Architekt werden und Marc hatte seine Berufung als Tierarzt gefunden.
Beginnen sollte die Geschichte mit einem Roadtrip, nachdem Jakob überraschend von seiner Tante Irene ein Haus geerbt hatte.
So weit, so gut. Ich arbeitete die Personen aus, legte für mich ihren Hintergrund fest und speicherte alles ab.
Dann begann ich zu schreiben. Ihre Geschichte begann in einer Stadt ohne Namen. Jakob erhält den Brief mit dem Erbe und beschließt, sich das Haus anzusehen. Der Weg dorthin sollte die Geschichte sein.
Und so fuhr er los.
Erst mit dem Auto und kam genau einige Kilometer weit. Dann hing ich fest.
Ich verwarf schließlich diesen Versuch und startete neu. Diesmal war Jakob mit dem Motorrad unterwegs. Doch auch so kam er nicht sonderlich weit.
Das war der Moment, in dem ich mich entschied, das Café Frühling erst einmal wieder zur Seite zu legen und in meinen Sandkasten „Royal Decode“ zurückzukehren. Dort kannte ich meine Figuren, dort fiel mir das Schreiben wesentlich leichter und das Café Frühling würde mir ja nicht weglaufen.
Ich wusste es ja sicher irgendwo in der Cloud gespeichert.
Und hier kommt der Punkt, an dem ich euch einmal kurz mitnehmen muss in das reale Leben als Autor.
Marcus und ich haben ein Ritual. Wir sitzen jeden Abend auf unserem Balkon und unterhalten uns über den vergangenen Tag. Wir erzählen uns, was wir am Tag geschrieben haben, wo wir bei Geschichten stehen. Wir hatten auch immer mal wieder über das Café Frühling gesprochen. Marcus fand es interessant, war aber gerade noch mit seinen Erstlingen, dem „Café Jenseitz“, beschäftigt.
So lag das Café Frühling gut ein Jahr herum, ehe das Thema eines Abends während unserer Balkongespräche wieder darauf kam. Marcus hatte inzwischen auch damit begonnen, in meinem Sandkasten San Mortano zu spielen. Er hatte drei Romane zu Royal Decode beigesteuert.
Doch wir wollten einen gemeinsamen Sandkasten. Wir wollten ein gemeinsames Projekt starten und so kam es, dass Marcus fragte:
Diese Sache mit dem Café Frühling?
Ich sagte: Klar, tobe dich aus.
Seine Antwort war: Ich möchte aber nicht wieder die Geschichte eines Cafés erzählen.
Und doch nahm er sich des Projekts an.
Er begann die Geschichte im Haus mit der Hausnummer fünf, mit Valentin und Arne. Er erschuf die Bewohner, Tracy, Sara und Lara und all die Personen, die wir schließlich in Band 1 kennenlernen werden.
Ich war noch bei „Royal Decode – Willkommen zur Saison“ und entwickelte gerade die Geschichte von Liam und Noah. Sie geriet mir persönlich zu dunkel, sodass ich mich freute, als ich von Marcus die Geschichte von Valentin und Arne zu lesen bekam.
Zu diesem Zeitpunkt war die Königsstrasse noch kein Begriff für uns. Auch nicht während unserer Balkongespräche.
Noch während ich Band eins das erste Mal las, entwickelte Marcus bereits einen weiteren Band: „Dreiklang“. Eine Geschichte über ein Throuple, die Bar jeder Vernunft und darüber, wie eine Nachbarschaft sie schließlich rettet.
Ich las die Geschichte von Valentin und Arne und merkte, wie auch ich Lust auf diese Nachbarschaft bekam. Als ich dann die ersten Seiten von „Dreiklang“ lesen durfte, begann ich in meinem Kopf, mir selbst eine Geschichte in jener noch namenlosen Straße zu überlegen.
Während eines unserer Balkongespräche kamen wir schließlich auf das Thema, das später als Königsstrasse festgezurrt werden sollte. Wir beschlossen, es vorläufig als Projekt „Königsstrasse“ zu behandeln.
Gleichzeitig sagte ich, dass ich eine Geschichte für einen seiner Charaktere im Kopf wälzte:
Ursula Bermann.
Marcus war begeistert, ermutigte mich sogar dazu, diese Geschichte, die Lebensgeschichte von Ursula Bermann, zu erzählen.
Gesagt, getan – ich begann, die Lebensgeschichte von Ursula Bermann von ihrem Einzug in die Königsstrasse bis heute aufzuschreiben. Marcus hatte derweil bereits damit begonnen, unsere Weltenbibel im Hintergrund anzulegen. Ich füllte sie mit Einblicken in die Vergangenheit durch Ursulas Erinnerungen.
Während ich also noch in der Hausnummer fünf war, ging Marcus bereits ein Stück weiter die Straße entlang. Er erweckte Eduard Lehmann zum Leben. Einen älteren Mann, der plötzlich über sein bisheriges Leben nachdenkt.
So entstanden immer mehr Geschichten und Marcus, der wesentlich schneller schreibt als ich, fragte, ob er die „Vorgeschichte“ eben jenes Hauses erzählen durfte, das Jakob Weller in dem ursprünglichen Konzept erbte.
„Klar“, war hier meine Antwort.
Und so entstand „Der geheime Garten“. Der Roman, der die Geschichte des Hauses mit der Nummer neunzehn am Ende der kleinen Sackgasse namens Königsstrasse erzählte.
Und so wurde das Café Frühling zu einem Teil der Königsstrasse. Zu einem Teil, den wir in den ersten Romanen sehr sparsam einsetzten, denn wir hatten inzwischen viele interessante Schauplätze geschaffen. Das Haus mit der Nummer fünf, den Blumenladen, das Cuvée Noire und den Blitzkiosk.
Und irgendwann erkannten wir: Wir brauchten das Café gar nicht mehr als den einen Ort, der all unsere Geschichten miteinander verbindet.
Das konnte die Straße selbst.
Zum ersten Mal richtig bewusst wurde uns das bei zwei Geschichten, an denen wir ungefähr zeitgleich arbeiteten. In „Nachtbalkon“ macht Eduard ein Foto, das später in der Hausgruppe der Nummer fünf geteilt wird. Eine winzige Begebenheit, eigentlich kaum der Rede wert.
Und trotzdem konnte genau dieses Foto auch in „Die Sprache des Anderen“ existieren. Eduard konnte dort neben Ursula auftauchen und für einen kurzen Moment zum Beobachter einer Geschichte werden, die eigentlich gar nicht seine war.
Plötzlich mussten unsere Romane nicht mehr nebeneinander stattfinden. Sie konnten sich begegnen.
Ganz nebenbei. So, wie Nachbarn es eben tun.
Die Straße konnte Ursula und Valentin zusammenbringen. Menschen verschiedener Generationen konnten sich dort begegnen. Figuren aus Marcus’ Geschichten konnten durch meine laufen und umgekehrt. Eine kleine Szene in einem Roman konnte in einem anderen plötzlich wieder auftauchen.
Und noch etwas hatte sich entwickelt: eine Nachbarschaft in der kleinen Sackgasse Königsstrasse, irgendwo auf der Welt.
Für uns beide als Autoren ist sie inzwischen ein liebgewonnener Sandkasten, den wir mit den unterschiedlichen Bewohnern und mit jedem Band ein Stück weiter zum Leben erwecken.
Das ist die Entstehung der Königsstrasse.
Deiner neuen Lieblingsserie – zum Lesen.
Bis bald
Euer Uli