Werkstattbereicht

Wie ein Charakter entsteht – am Beispiel von Mica Kehl


Hallo zusammen!

Ich möchte euch in lockerer Reihenfolge ein wenig Einblick in die kreative Arbeit geben, die hinter der Königsstrasse steckt. Und wie der Titel schon verrät, geht es heute ganz konkret um einen Charakter: Mica Kehl.
Mica ist zum ersten Mal in Königsstrasse - Willkommen in der Nachbarschaft aufgetreten. Dort wurde er als Freund von Nils vorgestellt, der DJ ist und einen OnlyFans-Kanal betreibt – also recht offen mit seiner Sexualität umgeht.
Seine Aufgabe in der Geschichte war damals vor allem, Nils und dessen Umfeld zu spiegeln. Dass Mica DJ wurde, war tatsächlich schlicht der Handlung geschuldet: Ich brauchte jemanden, der Musik macht und mit Nils zum Cruisen geht. So profan das klingt.
Irgendwann später wurde dann etabliert, dass Mica außerdem Resident-DJ im Nachtasyl ist. Auch das hatte zunächst einen sehr praktischen Grund: Zu diesem Zeitpunkt hatte die Königsstrasse bereits eine stattliche Anzahl an Figuren angesammelt. Es machte schlicht keinen Sinn, für dieselbe Tätigkeit noch einen weiteren Namen in den Hut zu werfen, wenn da bereits ein DJ herumstand.
Und so flog Mica als Nebenfigur lange Zeit unter dem Radar. Er war da. Er hatte seine Funktion. Aber darüber hinaus war er reichlich blass.

Aus einer Funktion wird ein Mensch

Als ich mich mit meiner aktuellen Königsstrasse-Geschichte beschäftigte, stolperte ich beim Korrekturlesen wieder über Mica.
Und irgendwann stellte ich mir eine ziemlich einfache Frage: Wer ist dieser Typ eigentlich?
Mein erster Schritt war tatsächlich, herauszufinden, woher der Name „Mica“ stammt. Unter den verschiedenen Möglichkeiten fiel mir vor allem die slowakische Herkunft ins Auge.
Damit öffnete sich plötzlich eine Tür.
Relativ schnell kamen sein Vater Roman und seine ältere Schwester Vesna hinzu, später auch sein kleiner Neffe Thomas. Ich brauchte diese Familie, um Mica zu erden. Bis dahin kannte man ihn hauptsächlich aus der queeren Szene, vom Auflegen, vom Feiern und durch seine recht offensiv gelebte Sexualität. Mich interessierte zunehmend, wer derselbe Mann ist, wenn er seinem Vater gegenübersitzt oder mit seiner Schwester spricht.

Dann kam die nächste sehr profane Frage: Wovon lebt Mica eigentlich?

Von gelegentlichen Auftritten und einem Dasein als Resident-DJ vermutlich nicht besonders komfortabel. Also brauchte er einen Beruf – und der sollte so unprätentiös wie möglich sein. So wurde Mica Industriekaufmann. Büro, Kollegen, Kundenbestellungen, Formulare. Ein Alltag, der mit dem Mica, den man nachts im Nachtasyl erlebt, zunächst erstaunlich wenig zu tun hat.
Und genau deshalb gefiel er mir.
Langsam nahm der Charakter Formen an.
Jemand, der einen privaten Kanal im Internet betreibt und sich dort sehr selbstverständlich zeigt, hat vermutlich ein relativ bewusstes Verhältnis zu seinem Körper. Also kamen das Sportrad und das Fitnessstudio FLEX hinzu. Nicht, weil ich auf einer Liste abhaken wollte, was ein solcher Charakter alles braucht, sondern weil sich aus den bereits vorhandenen Eigenschaften plötzlich weitere ergaben.
Aus einem Namen wurde nach und nach ein Mensch.

Und dann machte Mica nicht mehr mit

Bis hierhin war tatsächlich vieles geplant. Ich hatte eine grobe Outline für den Charakter und wusste ungefähr, welche Geschichte ich mit ihm erzählen wollte. Mica sollte sich vor allem an seinem Love Interest abarbeiten. Daraus sollte ein wesentlicher Teil des Konflikts entstehen.
Nun sind Pläne beim Schreiben eine wunderbare Sache. Bis die Figuren anfangen, sie zu ignorieren.
Während des Schreibens entwickelte sich plötzlich eine Dynamik zwischen den Charakteren, mit der ich in dieser Form überhaupt nicht gerechnet hatte. Und irgendwann musste ich mir eingestehen, dass diese Dynamik wesentlich interessanter war als die Geschichte, die ich ursprünglich geplant hatte.
Also änderte sich der Roman.
Das passiert mir beim Schreiben übrigens gar nicht so selten. Es ist verwirrend, manchmal ärgerlich und fast immer mit Arbeit verbunden. Denn wenn man merkt, dass die Figuren gerade eine bessere Geschichte erzählen als die eigene Outline, genügt es nicht, ab dem nächsten Kapitel einfach anders weiterzumachen.
Dann muss man zurück.
Man muss bereits geschriebene Kapitel noch einmal ansehen, Szenen verändern, kleine Hinweise neu setzen und manchmal größere Teile der Geschichte umbauen, damit die neue Entwicklung nicht wie eine spontane Idee wirkt, sondern wie etwas, das von Anfang an in den Figuren angelegt war.
Und ehrlich: Das kann ziemlich nerven. Aber in den meisten Fällen lohnt es sich, auf die Charaktere zu hören.
Mica jedenfalls hat ziemlich lange gebraucht, bis er mir erzählt hat, wer er eigentlich ist. Vielleicht musste er dafür erst einmal aufhören, nur der DJ neben Nils zu sein.